Mehr Spaß mit Schrittmotoren...Dem
ambitionierten Hobby-Mechatroniker fehlt es selten an Ideen für neue
Schrittmotor-Projekte, und oft genug hält die Bastelkiste auch schon
das eine oder andere vielversprechende Exemplar bereit. Ohne konkrete
technische Daten wird der Einsatz eines Schrittmotors jedoch zum
Glücksspiel. Datenblätter zu älteren No-Name Bauteilen sind leider kaum
zu beschaffen, man kann ja schon froh sein, wenn ein winziges
Typenschild über Schrittwinkel und Spulenwiderstand Auskunft gibt... Die Anschlussbelegung lässt sich ganz schnell durch ein paar ohmsche Messungen an den Spulen ermitteln. Dagegen bleiben Schrittwinkel, Drehmoment, Haltekraft, maximaler Spulenstrom und maximale Drehzahl im Dunkel, solange man den Motor nicht zum Laufen bringt. Projekt | Schaltung | Stückliste | Layout | Anmerkungen | Experimente | Links | Index
Projekt "Schrittmotor-Tester"Als
glücklicher Besitzer einer CNC-Steuerung oder einer PC-basierten
Schrittmotorkarte könnte man auf die Idee kommen, den unbekannten
Schrittmotor einfach mal dort anzuklemmen, in der Hoffnung, dass sich
was bewegt. Manchmal geht's gut, möglicherweise aber nicht, und dann
ist man unglücklicher Besitzer von einem Haufen verschmorter Elektronik
geworden... Für solche Experimente wäre ein autonomes Testgerät praktisch, das unabhängig von kostspieliger Computerhardware funktioniert. Strommessungen und Belastungstests am laufenden Schrittmotor ließen sich damit gefahrlos durchführen. Meine Zielsetzung war es, einen Schrittmotor-Tester zu entwerfen, der nahezu "idiotensicher" ist, und sich auf das Wesentliche konzentriert:
![]() Bild 2: Schaltplan - Vor dem Ausdruck vielleicht noch invertieren... SchaltungsdetailsSignalerzeugungIC1,
der allbekannte Timer 555, bildet zusammen mit wenigen passiven
Bauteilen einen durchstimmbaren astabilen Multivibrator. Er generiert
ein Taktsignal von ca. 10-2000 Hz für kontinuierlichen Schrittbetrieb.
Am Linksanschlag des Potis setzen die Schwingungen allerdings komplett
aus, weil über R2 zu viel Entladestrom gegen Masse abfließt. Auf diese
Weise gelangt man (ohne zusätzlichen Schalter) in den Halte- bzw.
Einzelschrittbetrieb. Mit dem Drucktaster Pb1 können dann per Hand einzelne Taktimpulse gegeben werden. Eine Hälfte von IC2 (Zweifach-D-Flipflop 74LS74) dient dem notwendigen Entprellen dieses Tasters. Über D2/D3 werden die negativen Impulse zusammengeführt (wired-AND). Die zweite Hälfte von IC2 arbeitet als Frequenzteiler und macht aus den von AMV oder den von der Taste gelieferten Impulsen ein Rechtecksignal mit der halben Oszillatorfrequenz und 50% Tastverhältnis. Die Ausgänge Q- bzw. /Q von IC2 führen nun auf zwei weitere Frequenzteiler, gebildet aus den beiden D-FFs in IC3 (ebenfalls 74LS74). An deren Ausgängen stehen nun Rechtecke mit nochmals halbierter Frequenz zur Verfügung, die unter einander genau 90° Phasenversatz aufweisen. Das ist das gewünschte Quadratursignal zur Ansteuerung des Schrittmotors' Erregerspulen. Siehe Timingdiagramm (Bild 3)! Der Wechsel zwischen Rechts- und Linkslauf geschieht in dieser Schaltung durch bloßes Umschalten zwischen invertiertem und nichtinvertiertem Ausgang eines Flipflops von IC3. (Diese Methode ist natürlich nur in einem reinen Testgerät zulässig, da es beim Umschalten zu Schrittverlust kommen kann.) Bild 3: Erzeugung der SteuersignaleLeistungsteilEine H-Brückenschaltung, bestehend aus T1-T4 (BD679, NPN) und T5-T8 (BD678, PNP) und wenigen Passivkomponenten bringt die Quadratursignale aus IC3 auf Leistungspegel, d.h. aus 0V/5V TTL-Logik werden belastbare bipolare Treiberströme für die Speisung der beiden Erregerspulen des Schrittmotors.Die doppelte Brückenschaltung hat ganz allgemein den Vorteil, dass sie bipolare wie unipolare Motore treiben kann und dabei mit einfacher Betriebsspannung auskommt. In der vorliegenden, diskret aufgebauten Variante wurden Darlington-Schalttransistoren verwendet, die sich nach Art eines R/S-Flipflops gegenseitig den Basisstrom liefern. Man kommt mit einem Minimum an externen Bauteilen und nur einem Steuersignal pro Brücke aus. Die Kondensatoren C5-C8 dienen der Unterdrückung höherfrequenter Störimpulse. Für eine echte Schrittmotor-Steuerung hätte diese stark vereinfachte H-Brückenschaltung leider gewisse Nachteile (keine galvanische Trennung, Schrittverlust bei Überlast), für einen Tester stellt sie jedoch einen passablen Kompromiss dar. Falsch angeschlossene Motorwicklungen, Induktionsspannungen, zeitlich begrenzter Überstrom, all' das muss eine experimentierfreudige Endstufe abkönnen. Die vorgeschlagenen Transistoren verkraften laut Datenblatt bis zu 4 Ampere Kollektorstrom, was die Endstufe äußerst robust macht; die 4 A sind in dieser Anwendung allerdings nicht im Dauerbetrieb zulässig, da die Transistoren hier ohne Kühlkörper auskommen müssen. Aber auch dann schaffen sie noch 1 A im Dauerbetrieb, ohne rot zu werden... Setzt man die Schmelzsicherung auf hasenfüßige 1A/träge, dann sollte nun wirklich nichts kaputt gehen, weil pro Phase nur etwa 500mA Spulenstrom fließen können. BetriebsspannungenZur Spannungsversorgung des Logikteils dient VR1, ein überaus exotischer Festspannungsregler vom Typ 7805 (78S05). Dank stabilisierter 5V bleibt die Frequenz des AMV auch unter Lastschwankungen konstant und zusätzlich wird eine Entkopplung vom Leistungsteil erreicht. Da VR1 nur die drei LSTTL-Chips mit ihren maximal 60mW zu versorgen hat, benötigt er im gesamten zulässigen Arbeitsbereich von etwa 7V bis 35V keinen Kühlkörper.Der Leistungsteil wird unter Zwischenschaltung einer Schmelzsicherung aus der zur Verfügung gestellten Betriebsspannung gespeist. Somit ist die Betriebsspannung für den Schrittmotor in weiten Grenzen frei wählbar. Die Betriebsspannung muss nicht stabilisiert sein. Die Betriebsspannung sollte allerdings richtig gepolt sein. Anderenfalls wird über D1 (in Fachkreisen auch "Idioten-Diode" genannt) ein etwas höherer Strom fließen, der die Sicherung sofort auslöst. Stückliste
Platinenlayout
Anmerkungen
ExperimenteWie
bereits erwähnt, ist es mit einer Endstufe in H-Brückenschaltung
möglich, sowohl bipolare Schrittmotore als auch die meisten unipolaren
Schrittmotore zu betreiben. Bei letzteren werden einfach die
Mittenanzapfungen außen vor gelassen und man nutzt sozusagen beide
Teilspulen in Reihenschaltung. Durch Messungen des ohmschen
Widerstandes ist es sehr einfach, die Anschlüsse der Wicklungen zu
identifizieren. Auf eine nochmalige schematische Darstellung der zwei
bis vier möglichen Spulenbeschaltungen habe ich an dieser Stelle
verzichtet; hierzu gibt es ja im Web schon genug tolle Grafiken. Am
häufigsten kommen zweifelsohne die 2-Phasen-Schrittmotore in diesen
beiden Varianten vor: 4 Adern = bipolarer Schrittmotor 6 Adern = unipolarer Schrittmotor mit getrennt herausgeführten Mittelanzapfungen Beide lassen sich mit dem Tester testen. Übrigens, so ein Netzgerät mit einstellbarer Strombegrenzung ist ganz allgemein eine empfehlenswerte Alternative zu 'ner Handvoll Schmelzsicherungen! Die Strombegrenzung im Netzteil übernimmt dann den Schutz von Endstufe und Schrittmotor. In diesem Fall kann die Sicherung im Tester auch mal durch einen höheren Wert (~4A, flink) ersetzt werden. Maximaler DauerstromIm Vollschrittbetrieb stehen normalerweise immer beide Spulen unter Betriebsstrom, unabhängig davon, ob sich der Schrittmotor gerade bewegt oder nicht. Das ist in denjenigen Anwendungen, wo der Schrittmotor einen direkten Antrieb (ohne Untersetzung) darstellt, durchaus sinnvoll. Im Stillstand verheizt der Motor allerdings die gesamte zugeführte elektrische Leistung über den Gleichstromwiderstand der Spulen. Da diese Verlustleistung über das Gehäuse abgeführt werden muss, erhitzt sich der ganze Motor, abhängig vom mittleren Betriebsstrom, mehr oder weniger stark. Es leuchtet ein, dass diese Aufheizung nicht allzu weit gehen darf, da der Rotor schon ab etwa 80°C seine magnetischen Eigenschaften verschlechtert, und Spulen und Lager bei höherer Temperatur auch irgendwann den Geist aufgeben.Es wäre interessant zu wissen, bis zu welchem Strom der Schrittmotor noch sicher im Dauerbetrieb genutzt werden kann. Mögliche Vorgehensweise: Beide Spulen über ein regelbares Netzteil bestromen und die Spannung langsam soweit erhöhen, bis die Gehäusetemperatur (...des Schrittmotors!) ca. 60°C erreicht hat. Dazu braucht's etwas Geduld und "Fingerspitzengefühl", falls man kein Thermometer zur Hand hat... In jedem Fall darf die Spannung nur langsam erhöht werden, da es je nach Bauform des Schrittmotors mehrere Minuten dauern kann, bis sich die Wärme über das Gehäuse ausbreitet. Am Ende hat man einen Spannungs- oder Stromwert, bei dem ein Dauerbetrieb gerade noch möglich sein sollte. Die Umrechnung in eine Wattzahl bedarf wohl keiner weiteren Erläuterungen. Natürlich ist es möglich, einen Schrittmotor kurzzeitig mit erheblich höherer Leistung zu betreiben, wenn er sich danach wieder abkühlen kann. Das machen sich viele kommerzielle Anwendungen (z.B. Billigdrucker) zunutze, um aus einem eigentlich unterdimensionierten Antrieb noch wirklich das letzte Newtoncentimeterchen an Drehmoment herauszuholen. Aber wehe, man benutzt so einen Consumerschrott im Dauerbetrieb...! Wenn man weiß, welche Leistung der Schrittmotor im Dauerbetrieb verkraftet, dann lässt sich besser abschätzen, wieviel im Impulsbetrieb herauszuholen ist. Maximale DrehfrequenzDazu
betreibt man den Schrittmotor mit seiner Mindest-Betriebsspannung, bei
der er stabil läuft, und erhöht die Frequenz immer weiter, bis der
Motor schließlich stehen bleibt oder in hysterische Zuckungen verfällt.
Schuld ist mal wieder die Selbstinduktion der Spulen, die dem Stromfluss entgegenwirkt.
Billige Schrittmotore haben bisweilen schon innerhalb ihres Arbeitsbereiches ausgeprägte
Resonanzstellen, sodass der Lauf bei ganz bestimmten Drehfrequenzen oder ohne Mindestbelastung
sehr unruhig wird. Solche Phänomene lassen sich beim stufenlosen Durchfahren
des gesamten Drehzahlbereiches schnell aufdecken.Durch Erhöhen des Spulenstroms lässt sich mancher Schrittmotor dann doch wieder zu einem stabileren Betrieb überreden. Allerdings hat die Endstufe des SMT keine ausgeprägten stromstabilisierenden Eigenschaften. Daher sollte man den Schrittmotor bei solchen Tests nicht weiter als bis zum 1,5fachen der Nenn-Betriebsspannung ausreizen. Schrittzahl pro UmdrehungTrivial: Markierung an der Achse anbringen und im Einzelschrittbetrieb eine ganze Umdrehung durchfahren. Schritte mitzählen (Bei fein auflösenden Motoren etwas Geduld mitbringen...). Dabei sollte dann sowas, wie 24, 48, 50, 100, 200 herauskommen.Zur Umrechnung in den Schrittwinkel in Grad teile man nun einfach 360° (Vollkreis) durch die ermittelte Schrittzahl. Na bitte. Haltemoment / DrehmomentDas Haltemoment ist diejenige Kraft, die der Schrittmotor einer von außen angreifenden Kraft im Stillstand (bei vollem Spulenstrom) entgegen setzen kann. Haltemoment bzw. Haltekraft hängen in erster Linie von der magnetischen Anziehungskraft zwischen Polschuhen und Rotor ab. Diese Kraft ist näherungsweise zum Betriebsstrom proportional. Aus verständlichen Gründen kann sie daher nur so groß gemacht werden, wie es die thermischen Verluste der Spulen zulassen. (Alternative: Überhitzung, Durchbrennen, supraleitende Spulen...)Das Antriebs- oder Drehmoment (engl.: torque) gibt an, welche Kraft der Motor im bewegten Zustand aufbringen kann. Das Drehmoment ist immer kleiner, als das Haltemoment. Mit zunehmender Drehfrequenz wirkt sich die Induktivität der Spulen nämlich immer störender beim Auf- und Abbau des Magnetfeldes aus. Folge: Mit steigender Drehfrequenz lässt das Drehmoment rapide nach. Haltemoment und Drehmoment sind für viele Schrittmotor-Anwendungen fast noch wichtiger, als Schrittweite und maximale Drehgeschwindigkeit. Erfreulicherweise lassen sich auch diese Daten mit haushaltsüblichen Mitteln in der Küche bestimmen...:
Links
Letzte Änderung: 9/2006 |